Indianer auf der Schießbahn

von

3./PzBtl 174 (1987)

In Mettmann bei Düsseldorf gemustert und für recht tauglich befunden trat ich im Juli 1987 meinen Grundwehrdienst bei der Bw als W 15-er beim PzBtl 174, 3. Kp, II. Zug, in der Graf-Goltz-Kaserne in Hamburg-Rahlstedt an. Ich war einer von über 180.000 Wehrpflichtigen in diesem Jahr. Gleich am ersten Tage wurde ich, der ich mich locker auf einen Tisch stützte, lautstark darauf hingewiesen, dass der Tisch auch ohne mich stehe. Diese Feststellung war richtig, aber grundsätzlich keine neue Erkenntnis. Erstaunt war ich über den unangemessenen Tonfall, der eine Bereitschaft zur gepflegten Konversation deutlich vermissen ließ. Doch daran musste ich mich von nun angewöhnen. Möglich war das zeitweilige Akzeptieren des gebrüllten Prinzips von Befehl und Gehorsam durch die Einnahme sanfter Drogen (z. B. Schokolade), durch die Lektüre des Comics „Asterix als Legionär“ (Goscinny und Uderzo, 1967) und durch die Nebenbedeutung des langgedehnten Wortes „Jawohl“.

Die Grundausbildung schloss bei uns Rekruten erhebliche Bildungslücken im Bereich der Kriegskunst (vgl. dazu „Neue Vahr Süd“ von Sven Regener, 2004, und „G.I. Homer“, The Simpsons, 2006). Wir machten u. a. Planspiele im Sandkasten und lernten, selbstständig zum Essen zu gehen. Die Kampfstiefel mussten wir so zum Glänzen zu bringen, dass der Feind im Gefecht geblendet würde. Dank Erdal Rex flüssig, nicht dank der Bw-Schuhcreme, war das eine lösbare Aufgabe. Weiterhin lernten wir den größten Feind soldatischer Pflichterfüllung kennen, nämlich den Alkohol, und übten den verantwortungsvollen Umgang mit ihm. Erhellend waren die Vorträge der Vorgesetzten über Wehrrecht, angefangen von den etwas älteren Kriegsgesetzen (vgl. Die Bibel, 5. Mose, 20/10-15, 21/10-14, 23/10-14) bis zum modernen Verbot, in Uniform Tango zu tanzen (vgl. Erlass Kaiser Wilhelms II. von 1913).

Während mein Gesang im schulischen Musikunterricht stets infolge Disharmonie wenig Anklang fand, erfuhr ich nun begeistert, dass meine Stimme beim Bund doch noch ihre Bestimmung fand. Als Erstes lernten wir das „Panzerlied“ von 1933 - allerdings nicht dessen unzeitgemäße dritte Strophe. Die erste Strophe kannte ich schon als Zivilist von der Punkband Hans-A-Plast („Machtspiel“,1980). Die vierte Strophe wurde nun etwas entschärft. Statt „Mit Sperren und Minen hält der Gegner uns auf … Und droh´n uns Geschütze im gelben Sand …“, sangen wir, „Mit Speeren und Tanks hält der Gegner uns auf … Und schüttelt er uns grimmig und wütend seine Hand …“. Das klang dann doch gleich viel beruhigender. Speere wilder Krieger und ein männlicher oder weiblicher Mark IV, Baujahr 1917, dürften keine ernst zu nehmenden Gegner darstellen. Erst Jahre später erwarb ich auf einem Flohmarkt ein militärhistorisches Heft der NVA zum Thema Pz-Abwehr. Auf 33 Seiten, mit bunten Bildern versehen, las ich dort von geradezu beängstigenden Methoden der Kriegsführung gegen Pz, selbstverständlich unter Berücksichtigung der „Angriffskonzeption der NATO-Streitkräfte“. Hätte ich das früher gewusst! Nun ja. Das „Panzerlied“ endet bekanntlich damit, dass der Pz für uns bei Eintritt gewisser ungünstiger Begleitumstände zu einem ehernen Grab wird. Ich muss sagen, dass dieses mögliche Resultat meines Wehrdienstes doch ein wenig meinen Optimismus trübte, mit dem ich so „freudig“ zur Erfüllung meiner Dienstpflicht angetreten war.

Unbefriedigend war auch, dass uns z. B. beim Richten der Bordkanone (BK) oder beim Eindringen in feindliche Stellungen keine Kameradinnen zur Hand gingen. Seinerzeit war Frauen bei der Bw der Dienst an der Waffe noch verboten. Mangels Soldatinnen blieb uns als Beschäftigung nur noch eins übrig: die Landesverteidigung.
Ein schwacher Trost war, dass uns die entzückende, die Hüftlinie betonende Kampfkombination in altrosa Baumwollrips, die Popeline-Bluse für die Geländeausbildung und der kleine Dienstanzug in jasminfarbenem Kunstseiden-Crêpe erspart blieben (vgl. Loriots großer Ratgeber, Militär, 1968). Die Wandsbeker Zeitung berichtete am 09.07.1987 über die Rekruten der 3. Kp, es handele sich um verliebte Jungs, für die jetzt das Gewehr zur „Braut des Soldaten“ werde, wie es seit jeher im Militärjargon heiße. Enttäuscht stellte ich dann fest, dass wir das schlanke, wohlgeformte G 3 lediglich kurz betrachten durften. Wir mussten uns mit der kantigen Uzi (MPi 2) und der in den 30-er Jahren entwickelten Pistole Walther P1 zufriedengeben. Ich hatte die Letztere als „ältere Braut“. Über sie war der Spruch verbreitet, dass im Ernstfall das Werfen mit der Pistole statt des Schießens die Trefferquote erhöhen würde. Erst nach Monaten kam es bei mir fast zu einem engeren Verhältnis zur Handwaffe. Nach einer Übung gab ich in der Waffenkammer das schwere MG ab und vergaß, die leichte, an meiner Brust angeschmiegte Pistole abzugeben. Als ich dann in der Mannschaftsunterkunft ins Bett gehen wollte und sie bemerkte, war es mir doch zu peinlich, in Anwesenheit der übrigen Kameraden mit ihr schlafen zu gehen. So gab ich meine „Braut“ verschämt bei meinen Vorgesetzten ab.

Vor meinem Dienstantritt hatte ich beim Bund ein gewisses „Rambo“ Flair erwartet. Dies stellte sich zuerst auch tatsächlich ein, als die Unterkunft meiner Gruppe aufgrund nicht schlechter Schießergebnisse die Bezeichnung „Killerstube“ erhielt. Im Laufe der Ausbildung zum Soldaten lernte ich dann jedoch, dass es sich bei mir nicht um einen potenziellen Mörder, sondern um einen Staatsbürger in Uniform handeln solle. Dieser gesteigerte Anspruch, als Soldat beim Rumballern auch noch nachdenken zu müssen, führte dann zwangsläufig bei mir zu schlechteren Trefferquoten.

Nachdem ich auf Kosten der Bw in der Boehn-Kaserne im VW 181, dem Kübel, den Führerschein der Klasse 3 noch ein zweites Mal erfolgreich bestehen durfte, lernte ich im September im schönen Munster wie man 42 Tonnen von A nach B bugsiert. Der KPz Leopard 1 hatte zwar schon einige Jahre auf dem Buckel, aber ich war froh, nicht einen A7V oder M 48 mühsam in Bewegung setzen zu müssen. Von Letzterem waren ja immerhin noch 870 bei der Bw in Betrieb. Den Leopard 2 bekamen wir nie zu Gesicht. Angeblich sollten den ja nur Berufssoldaten fahren dürfen. Aber ich glaube, bei den damals rd. 1.900 Leopard 2 der Bw stimmte das so nicht. Vermutlich sollte verhindert werden, dass wir an höherer Stelle Ansprüche auf Teilhabe an der verbesserten Anwendersicherheit anmelden. Denn wie ich später erfuhr, waren zwar Feuerkraft und Beweglichkeit des Leopard 1 gut, aber der Pz-Schutz war eigentlich katastrophal schwach. Sogar der Wehrmachts-Pz VI B von 1944 wies einen deutlich besseren Schutz auf und der potenzielle Gegner T 64/72 verfügte über einen Schutz, der fast dreimal so hoch war. Irgendwie hatten die Entwickler des Leopard 1 wohl übersehen, dass auch KPz-Besatzungen der Bw ein gewisses Interesse daran haben, im Ernstfall am Leben zu bleiben.

Zurückgekehrt in unsere Kaserne durften wir unsere Stuben gestalten. Über unserem Aquarium, natürlich mit Kampffischen, hängte ich ein Poster mit sieben üppigen 50-er Jahre Bikiniträgerinnen, in deren Hintergrund sich auf dem Bikini-Atoll ein Atompilz gen Himmel erhebt. An meinen Spind heftete ich außen ein Plakat des Antikriegsfilms „Full Metal Jacket“ von Stanley Kubrick und ein Bild von Charlie Chaplin in der Rolle eines wenig heroischen Soldaten mit Gewehr, Teekanne, Rührgerät, Mausefalle und Gemüsereibe aus dem Streifen „Shoulder arms“ von 1918. Bei der NVA wäre das wohl Wehrkraftzersetzung gewesen.
Apropos NVA: Ich kam blauäugig auf die Idee, ob es nicht der deutsch-deutschen Annäherung förderlich wäre, wenn ich eine Brieffreundschaft mit einem KPz-Fahrer der NVA schließen könnte. Meine Anfrage bei Vorgesetzten stieß dort auf leichtes Entsetzen und wurde mir freundlich aber bestimmt untersagt, und zwar zu Recht. Vermutlich hätte mir anderenfalls ein interessierter Offizier der Staatssicherheit geantwortet und nebenbei angefragt, wie es denn im Detail um die Kampfbereitschaft meiner Truppe stehe und wo eventuelle Schwachstellen zu beheben seien. Die Brieffreundschaft hätte also durchaus dazu führen können, dass auf gewissen äußeren Druck die Bundesrepublik Deutschland sich letztlich hätte genötigt sehen müssen, der DDR beizutreten. Zum Glück kam es drei Jahre später genau andersherum.

Zum Film „Full Metal Jacket“, den ich im Oktober 1987 in Uniform zusammen mit Kameraden im Kino angeschaut hatte, fällt mir noch ein, dass wir tatsächlich einige Zeit danach fest auftretend in Blockformation über das Kasernengelände liefen und Lieder sangen, deren Inhalt ähnlich jugendgefährdend war wie das, was der im Film wenig einfühlsame Drill Instructor Sgt Hartman seiner Truppe zum Nachsingen vorgab. Zufällig anwesende höhere Dienstgrade, die den Text akustisch nicht verstanden, waren offensichtlich sehr angetan von dem ausgesprochen soldatischen Bild, welches wir ihnen da boten.

Ich durfte dann einmal einen Vorgesetzten mit dem Kübel nach Kiel befördern. Mit 44 PS und maximal 110 km/h schlichen wir über die Autobahn. Die dort ebenfalls anwesende Zivilbevölkerung ließ es völlig an dem gebotenen Respekt vor dem Militär vermissen. Schamlos wurde mein Kübel unentwegt überholt! Man könnte meinen, die Zivilisten hätten tatsächlich etwas aus der deutschen Geschichte gelernt.

Der englische Sänger Billy Bragg („Like soldiers do“, 1984) hatte auf die Frage, warum er als junger Mann in die britische Berufsarmee eingetreten war, geantwortet: „I wanted to drive a tank.“. Das konnte ich als KPz-Fahrer jetzt besser nachvollziehen. Mit den Fahreigenschaften meines 830 PS starken KPz Leopard 1 A1A4, Y - 416 417, war ich zufrieden. Er stammte aus dem ersten Baulos 1965/66. Die Heizung qualmte regelmäßig. Ein von mir im Fahrerraum in Heimwerkerqualität eingebautes Thermometer zur Kontrolle, ob ich noch frieren oder schon schwitzen sollte, überlebte eine Inspektion nicht. Der KPz war als einer der wenigen in unserer Kp mit Fleckentarnanstrich kampfwertgesteigert. Das führte dann allerdings zu Problemen beim Wiederauffinden des KPz auf dem Pz-Abstellplatz (PAP) oder im Gelände.
Ich war im Übrigen mit einer völlig falschen Vorstellung zur Pz-Truppe gelangt. Ich kannte das Lied „Panzerfahrer“ der Zeltinger Band von 1979, wo es heißt: „…Setzte mich in meinen Panzer rein und fuhr damit in ein Café hinein. Doch dem Bäcker war das gar nicht recht, da ich mit dem Panzer fuhr so schlecht, über Ladentisch und Stühle weg und fuhr die ganze Bäckerei zu Dreck. … Dann fuhr ich zum nächsten Schwimmbad hin, weil mein Panzer wollte schwimmen geh´n … Refrain: Panzerfahrer aus Passion von der größten deutschen Division …“.
Tatsächlich war ich ja bei dieser Division gelandet, der 6. PzGrenDiv, dem stärksten Großverband des Heeres mit rd. 23.500 Soldaten. Doch ganz so lustig wie im Lied war die Realität dann nicht. Beispielsweise war mir die Umsetzung des Traums eines jeden KPz-Fahrers, nämlich bei 65 km/h statt des Befehls „Panzer anhalten“ den Befehl „Panzer halt!“ auszuführen, nicht vergönnt. Leider müssen Fahrer nämlich zu häufig Rücksicht auf die mitgeführte Turmbesatzung nehmen. So steht der Fahrer im Gelände bei jeder Bodenwelle vor der Frage, ob er in diese umständlich, aber geschmeidig hineintaucht oder das Problem locker mit Gasgeben und einer Art Bauchklatscher ins Schlagloch bewältigt. Ich kann mich dunkel an eine Situation erinnern, in welcher mein Kopf recht heftig gegen die geschlossene Fahrerluke stieß. Im Turm dürften die Kameraden vermutlich entsprechend zeitweise den Kontakt zum Turmboden verloren und zur Turmdecke aufgenommen haben. Ohne jegliche Aufforderung gab ich spontan eine Runde mitgeführter Cola-Dosen aus, um den Zusammenhalt der Pz-Besatzung zu festigen. Ich hatte bereits gelernt, dass Kosten keine Rolle spielen dürfen, wenn es gilt, die Schlagkraft der Bw sicherzustellen.

Eines Tages ging ich allein vom Kp-Gebäude zum PAP und es schloss sich mir unser Btl-Kdr Oberstlt Hillerkus an. Fürsorglich fragte er mich, wie es mir denn hier so gefalle. Ich antwortete, dass ich als Fahrer Glück gehabt hätte, den besten Pz-Kdt der Kp zu haben. Er bat um Erläuterung und ich erklärte, dass mein Kdt mir eine grundsätzliche Menschenfreundlichkeit vermittle. Auch wenn ich von ihm im Befehlston angeschrien werde, habe dies doch zumeist seine Berechtigung. Mit ihm würde ich durchs Feuer fahren. Oberstlt Hillerkus fragte sodann, ob ich mir vorstellen könne, mich bei der Bw zu verpflichten, was ich freundlich verneinte. Später hörte ich, dass meine Antwort auf seine erste Frage von ihm weiterverbreitet wurde. Offenbar entsprach die Antwort genau dem, was an Einstellung eines Pz-Fahrers zu seinem Kdt gewünscht war.

Während unserer Grundausbildung überprüfte auch unser Brig-Kdr BrigGen Eisele, ob wir jungen PzSchtz lernfähig waren und im Oktober ging es für eine Durchschlageübung mit den KPz durch Ahrensburg in Richtung Neumünster zum TrÜbPl Boostedt. Auf dem Hinweg durchfuhren wir mein holsteinisches Heimatdorf. Als Fahrer war ich daher besonders darauf bedacht, mit den Ketten wenigstens in diesem Orte nicht die Bordsteinkanten abzurasieren. Zurückgekehrt in die Kaserne erfolgte unsere Vereidigung. Endgültig durften wir das blöde Schiffchen versenken und das kleidsamere schwarze Barett tragen. Unsere Helme waren damals übrigens noch für ganze Männer konzipiert, also aus wärmespeicherndem Stahl und
nicht aus Kunststoff. Bei irgendeinem längeren Antreten in der Gluthitze des hinter uns liegenden Sommers war auch nur ein Kamerad der Länge nach umgekippt.

Im November nahmen wir im Holsteiner Raum am NATO-Manöver „Brisk Fray“ teil. Das Wörterbuch bietet dafür als eine Übersetzungsmöglichkeit „flotte Schlägerei“ an. Es lief aber trotzdem gesittet ab. Unter Befehl des DivKdr GenMaj Steinkopff trat unsere 6. PzGrenDiv mit 7.000 Rad- und Kettenfahrzeugen und 13.000 Soldaten an. Damit sich im Gelände bei mir nicht allzu viel Getier festsetzt, hatte ich mir zuvor höchst freiwillig bei einer entsetzten Friseuse einen militärischen Kurzhaarschnitt verabreichen lassen. Im Manöver gelang es mir und einem anderen Kameraden, auf matschigen, durchweichten, engen Feldwegen den in der Regel ja geländegängigen KPz in die stabile Seitenlage zu bringen, d. h. in recht festen Kontakt mit dem Graben am Wegesrand. Dies geschah natürlich mehr oder weniger zielgerichtet, um die Daseinsberechtigung der Bergepanzer zu bestätigen. Deren Besatzung bestand den „Test“ glänzend. Wie man beim Abbiegen des KPz auf einer Straßenkreuzung mit der BK gekonnt eine Ampel umlegt, zeigte uns ein anderer Kamerad. Übrigens hatte ich seit dem Antritt des Wehrdienstes 16 Pfund an Körpergewicht verloren. Ein 20 km Marsch hatte seinen Anteil daran. Ganz unanstrengend war der Dienst am Vaterlande bisher also nicht gewesen.

Im Dezember verluden wir unsere 12 KPz in Glinde auf die Eisenbahn und fuhren zum Schießen auf dem TrÜbPl Bergen in der Lüneburger Heide. Ich hatte als Fahrer stets ein Reclam-Heft am Mann und hangelte mich, ausgekoppelt aus dem nervigen Sprechverkehr, während im Turm hinter mir gerackert wurde, durch Hamlets Monolog. Dieser erhielt durch den gelegentlichen Knall eines Schusses eine noch tiefere Bedeutung.
An einem Tage entfiel von mittags bis morgens die Verpflegung, was vermutlich zum Ausbildungsziel „Abhärtung“ gehörte. „Redlefsen“ stand uns nicht bei und so war es das einzige Mal in den 15 Monaten Wehrdienst, dass sich unsere Pz-Besatzung über eine in den Tiefen des KPz aufgefundene Packung der berüchtigten EPa-Hartkekse (sog. Pz-Platten) freute. Davon abgesehen wurden wir von HF Warnholz, unserem KpFw, gut versorgt. Er bahnte sich mit Hähnchenkeulen bepackt auch durch unwegsames Gelände den Weg zu uns.

Im März 1988 wurde in der Kaserne hoher Besuch erwartet: Der Inspekteur des Heeres GenLt von Ondarza besichtigte unsere 3. Kp. Er hatte sie 1961/´62 als Hptm selbst geführt. An diese Zeit erinnerte sich einer der alten Soldaten: „Als wir damals durch Rahlstedt zogen, wurden wir mit Blumen empfangen – aber mit Töpfen dran!“. Die 1955 erfolgte Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland hatte verständlicherweise in der schwer zerbombten Hansestadt keine große Begeisterung ausgelöst.

Erneut ging es dann - wieder verladen in Glinde - zum TrÜbPl Bergen ins Feldbiwak. Neben dem üblichen Schießen mit 105 mm und mit Fla-MG prüften wir auch, ob die KPz wasserdicht sind. Das Ganze war relativ ungefährlich, weil jeder seinen Tauchretter umgebunden hatte, mit dessen Hilfe man einige Minuten seine Eigenluft atmen konnte, bis der Sauerstoff verbraucht war. Als Fahrer müsste man unter Umständen halt zusehen, dass man durch die Bodenluke unter dem KPz zügig durchschwimmt. Das Durchtauchen der KPz klappte aber ohne Verluste an Menschen und Material.
Die Nächte verbrachten wir eine Woche lang auf der stahlharten, zuerst zu heißen und nach einigen Stunden eiskalten Triebwerksplatte des KPz. Unangenehm war auch das Wacheschieben im Takt zwei Stunden Wache, zwei Stunden Schlafen usw.. Da stand ich am nächsten Tage neben mir. Nach der Übung fiel ich zuhause in einen Tiefschlaf von 16 Stunden. Na, so ging wenigstens das Wochenende zügig vorbei, bis man wieder zurück in die Kaserne durfte.

Im April fuhr unsere Kp für ein Wochenende an die Front in das unter alliierter Besatzungsmacht stehende West-Berlin. Allerdings fuhren wir ohne unsere KPz und in Zivil, da unterwegs eine militärische Konfrontation mit der NVA und den sowjetischen Truppen sowie vor Ort mit den amerikanischen, englischen und französischen Streitkräften vermieden werden sollte. Anstatt den Dritten Weltkrieg auszulösen, begnügten wir uns mit den touristischen Höhepunkten der Mauerstadt.

Im Rahmen der Gefechtsübung „Breite Kette“ im Mai mit 460 Soldaten und 110 Rad- und Kettenfahrzeug fuhren unsere KPz im Raum zwischen Mölln und Lübeck durch einen kleinen Ort. Wir kamen auf der Dorfstraße zum Halten bei laufendem Motor. Eine ältere Frau trat aus dem Haus, bei welchem mein KPz stand, und überreichte mir drei Bananen und drei Tafeln Schokolade. Mein herzliches Dankeschön wird im Motorenlärm untergegangen sein. Ich reichte die milden Gaben aus der Zivilbevölkerung in den Turm durch und kann mich heute nicht mehr erinnern, wie wir die drei Bananen unter vier Mann aufgeteilt hatten. Die gute Frau konnte ja auch nicht ahnen, dass im KPz, aus dem drei Köpfe hervorlugten, sich noch ein Richtschütze häuslich niedergelassen hatte.
Im weiteren Verlauf der Übung fuhr unsere Kp durch einen anderen Ort und sah sich „feindlichem Feuer“ ausgesetzt. Den Befehl von vorn „Panzer rückwärts marsch!“ konnte ich nicht sofort umsetzen, weil hinter mir ein San MTW stand. Davon unbeeindruckt setzte sich der 25 Meter vor mir stehende KPz jedoch zügig in Bewegung. Ich sah 42 Tonnen Stahl auf mich zufahren und überlegte kurz, wer von uns beiden jetzt stärker sein würde. Da bohrte sich bereits der Zielscheinwerferkasten mit voller Wucht in unsere BK und das Heck rammte meinen KPz. Dieser war zumindest gleichstark. Ich atmete auf. Personenschäden gab es zum Glück nicht. In meinem Turm fand sich für die Inst aber ein umfangreiches Aufgabengebiet.

Im Juni berichtete das regional bedeutende Blatt „Heimat-Echo“ über einen Grillabend auf der Ponderosa: „Was wäre jedoch ein solcher Abend ohne den „Chaoten des Bataillons“ Haupt-mann Nobbi Born, Chef der 3. Kompanie.“ Gelobt wurde der wortgewaltige, freundschaftliche Schlagabtausch zwischen ihm und einem Presseoffizier.
Kurze Zeit später schrieb dasselbe Blatt: „Attacke auf dem Allerwertesten. Drahtesel statt Leopard I stand in der vergangenen Woche auf dem Dienstplan der 3. Kompanie des Panzerbataillons 174 … Bewältigte Kilometerzahl am Abend: 70 km. Ergebnis: Muskelkater am Achtersteven. … Nur knapp entging eine vorbeifahrende Militärkolonne einer Massenkarambolage. Mit weit aufgerissenen Augen starrten Fahrer und gerade eingenickte Beifahrer dem olivgrünen Wunder entgegen: Eine im geschlossenen Trupp vorbeifahrende Radler-Kompanie hatten sie während ihrer Dienstzeit noch nicht gesehen. Hauptmann „Nobbi“ Born ist zufrieden mit dem Ablauf des Unternehmens: „Die Kameraden waren begeistert. …In Zukunft werde ich militärische Erkundungen auch per Fahrrad durchführen. Man ist viel beweglicher und spart Benzin.“ Ein von mir befürchteter Umtausch unserer KPz gegen Bw-Drahtesel unterblieb.

Ich erhielt sodann auf Höltigbaum eine Einweisung in den MTW M 113, die U.S.-amerikanische, in Vietnam verlustreich erprobte, sog. „Keksdose“. Die erste Fahrt mit 210 PS war recht lustig, bis mich der Fahrlehrer bat anzuhalten und fragte, ob mir nichts auffalle. Ich verneinte und stieg seiner Bitte entsprechend aus dem Pz. Da bemerkte ich, dass dieser mit der rechten Kette ca. 20 cm höher auf einer grünen Mittelinsel stand. Der Pz hatte recht deutliche Schräglage, die mir in meiner Faszination für die ungewohnte 08/15-Technik entgangen war. Vielleicht war auch eine posttraumatische Belastungsstörung schuld, welche ich gerade verarbeitete: Als ich acht Jahre alt war, bot die Patenkompanie der Gemeinde, die 6./PzGrenBtl 182, bei einem Dorffest Rundfahrten für Kinder mit einem MTW an. Da wollte ich natürlich mit. Hinten mit anderen Kindern rein, die Rampe klappte zu, es wurde dunkel, der Motor lärmte schrecklich los und das Kettenfahrzeug ratterte und schüttelte alle durch. Während der Fahrt durfte auch ich, fest- und hochgehalten von einem Soldaten, mal kurz rausgucken. Das war es aber nicht wert. Als der Pz hielt, lief ich mit Tränen in den Augen zu meinen Eltern. Doch nun, Jahre später, versöhnte ich mich mit dem allerdings wirklich immer noch etwas zu lauten Gefährt.

Zeitlich gut abgestimmt nach meiner zweiten Beförderung fing ich mir dann eine erzieherische Maßnahme ein, weil ich als GvD die Uniformhose zum Schlafen ausgezogen hatte. In aufrichtiger Zerknirschung schrieb ich eine Seite, warum dies die Herstellung der vollen Einsatzbereitschaft der NATO-Streitkräfte erheblich verzögern würde und was sonst noch zur Verhinderung von Sabotage, Spionage und Zersetzung zu unternehmen sei. Die Arbeit wurde vom Vorgesetzten mit wohlwollendem Lächeln zur Kenntnis genommen.

War ich zum Wachdienst vergattert, so war der Hauptfeind die Langeweile. Tagsüber bot die Wachstube zur Ablenkung leider keine schwer verständlichen philosophischen Wälzer, sondern nur außerordentlich leicht verständliche Hefte mit moralisch zweifelhaften bildlichen Dar-Stellungen. Meist war ich mit einem Kameraden auf Streife unterwegs. Ich erinnere mich aber noch, wie ich einmal ausnahmsweise allein beim Tor der Graf-Goltz-Kaserne Wache stand und in tiefster Nacht sang: „Stop me if you think you´ve heard this one before“ (The Smiths, 1987). Niemand in Hamburg-Rahlstedt gebot mir um drei Uhr morgens Einhalt.

Im August ging es dann mit Y-Tours („Wir buchen – Sie fluchen“) für die 4./PzBtl 171 und uns für drei Wochen auf den TrÜbPl Shilo in Manitoba, Kanada. Erwartet hatte ich Wälder und an Blockhütten klopfende Braunbären. Stattdessen empfingen mich Leichtbaubaracken und eine staubige Grassteppe, durch die man nur mit im Baumarkt erworbener Atemschutzmaske fahren konnte. Anderenfalls hatte man die Nase mit feinem Sand gestrichen voll.
Nach einigen Tagen im KPz durfte ich dann drei Tage lang MTW fahren. Mit an Bord waren unser Kp-Chef Hptm Born und ein Fw. Nach wenigen Metern im Gelände hörte ich den Fw von hinten brüllen: „Schmidt, ich hol´ Sie da gleich raus!“. Der Einwand war berechtigt, denn der Fahrstil von KPz und MTW bedarf doch einer gewissen Differenzierung, damit die Besatzung nicht unnötig umhergeschleudert wird. Es lief dann alles rund. OTL Hillerkus, der im Gelände neben uns fuhr, wies mich einmal freundlich darauf hin, dass eine Kette des MTW kurz davor war, sich aus dem Laufwerk zu verabschieden. Wie so oft im Leben half auch hier grobe Gewalt mit dem schweren Hammer.

Schaute man in die offene Prärie, so konnte man wahrlich feststellen: „Keiner hier, keiner da: Kanada!“. Unsere Kp hatte bereits seit vier Stunden auf der Schießbahn geschossen, als ich plötzlich in der Ferne über die Hügel eine Person zu Fuß auf uns zukommen sah. Ich stoppte den MTW und als die Person näherkam, erkannte ich einen Indianer. Nun hatte ich mir bereits seit frühester Jugend fein differenzierte ethnologische Kenntnisse durch den regelmäßigen Besuch der Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg erworben. Entweder handelte es sich also um einen guten Indianer oder um den Kundschafter eines kriegerischen Stammes von hinterlistigen, unseren Skalp fordernden Rothäuten. Ich suchte vorsichtshalber nach meiner Winchester ´73 und überlegte, mit den KPz eine Wagenburg zu bilden. Doch dann sah ich, dass der Indianer unbewaffnet war. „Sein langes blauschwarzes Haar war in einem helmartigen Schopf geordnet und hing noch weit auf den Rücken hinab. Keine Adlerfeder, kein Abzeichen schmückte diese indianische Haartracht. Man sah es ihm auch ohne dieses an, dass er kein gemeiner Indianer, kein gewöhnlicher Krieger war. Wer seinen Blick auf ihn richtete, der war gewiss sofort überzeugt, einen bedeutenden Mann vor sich zu haben. … Die Züge seines ernsten, männlichen Gesichts waren fast römisch zu nennen, nur dass die Backenknochen kaum merklich vorstanden. Die Farbe seiner Haut war ein mattes hellbraun mit einem leisen Bronzehauch. Das war … der herrlichste der Indianer. Sein Name lebte in jedem Zelt, in jeder Blockhütte, an jedem Lagerfeuer. Gerecht, treu und klug, tapfer bis zur Verwegenheit, aufrichtig und ohne falsch, ein Freund und Beschützer aller Hilfsbedürftigen, mochten sie weiß oder rot von Farbe sein, aber ebenso ein Feind und strenger, unerbittlicher Gegner aller Ungerechten: So war er bekannt bei allen, die von ihm gehört oder ihn vielleicht gar gesehen hatten. Welch ein Glück, der Freund dieses Mannes zu sein! … Wir umarmten einander so herzlich wie zwei Brüder, die sich lange nicht gesehen hatten. Dann hielt er meine Hände fest, trat einen halben Schritt zurück, ließ seinen Blick an mir niederschweifen und sagte: „Mein Bruder …“.

Oh, Entschuldigung, ich bin abgeschweift (vgl. „Old Surehand“ von Karl May, 1894; vgl. nicht Pierre Brice in „Die Hölle von Manitoba“, 1965). Also, der im landestypischen Holzfällerhemd gekleidete, freundliche kanadische Bürger indianischer Abstammung, vermutlich ein Cree oder Assiniboine, trat zu meinem MTW und sprach, sein Auto sei da hinten „in the middle of nowhere“ liegen geblieben und er benötige Hilfe. Oh, welche Enttäuschung! Wie gern hätte ich mit ihm nach dem Rauchen einer bewusstseinserweiternden Friedenspfeife Blutsbrüderschaft geschlossen und wie gern wäre ich mit ihm und unseren KPz zusammen aufgebrochen, um das Land zurückzuerobern, welches Schurken und Banditen seinem Volk abgeknöpft hatten, und zwar gemeinerweise im Tausch gegen Glasperlen, Feuerwasser und die Möglichkeit, dass sich
die Ureinwohner Nordamerikas von nun an Baseballspiele anschauen könnten, deren Regeln ja bekanntlich völlig unverständlich sind.
Nun, dem Indianer wurde durch die Bw immerhin Unterstützung zur Beseitigung seines Kfz-Schadens vermittelt. Im weiteren Verlauf der Schießübungen schauten unsere Richtschützen dann immer links und rechts, ob nicht gerade zufällig ein Zivilist beabsichtigt, vor dem anvisierten Ziel spazieren zu gehen. Das machte die Angelegenheit zwar etwas mühsam. Kollateralschäden waren aber gemäß DV nach Möglichkeit zu vermeiden.
Nach drei Tagen gab ich den MTW an einen Kameraden ab und übernahm wieder einen KPz. Bei der dann folgenden Übung „Schwarzer Bär“ floss tatsächlich Blut! Der Kamerad fuhr mit dem MTW auf einen Blindgänger, welcher explodierte. Seine Reise in die ewigen Jagdgründe konnte jedoch abgewendet werden. Er hatte nur leichte Verletzungen erlitten. Wir Übrig gebliebenen übernachteten auf der Schießbahn. Frühmorgens brachte unser Spieß das Frühstück bis an die KPz und weckte uns mit einem gekonnten Tarzan-Ruf. Welch ein Service im Busch!

Einmal fuhr ich ausnahmsweise mit Hptm Born als KPz-Kdt. Da ich beim Rückwärtsfahren im Gelände einige Zeit keine Fahranweisungen erhielt, fragte ich über Bordfunk nach, bekam aber keine Antwort. Daraufhin hielt ich dann doch lieber an. Und tatsächlich war die interne Funkverständigung zusammengebrochen. Die Turmbesatzung hatte sich vermutlich schon leicht besorgt gefragt, wieweit ich noch blind durch die Gegend fahren würde und wann der beste Zeitpunkt sei, um mich unschädlich zu machen (z. B. durch Ziehen der Hauptsicherung). Zum Glück hatte ich auf meiner kurzen unkontrollierten Reise durch die Weiten Kanadas lediglich einen Holzpfahl umgenietet.
Übrigens konnte ich mich vor zwei Jahren bei einem Tag der offenen Tür im Ministerium der Verteidigung in Berlin mal auf den Fahrersitz eines KPz Leopard 2 setzen. Der Schlüssel steckte zwar nicht, aber ich entdeckte einen kleinen Monitor. Der Fahrer erläuterte mir, dass dieser mit einer Kamera am Heck verbunden sei und zum Rückwärtsfahren benötigt werde. Ja, diese Kampfwertsteigerung konnte ich nach meiner Erfahrung in Shilo gut nachvollziehen. Zu meiner Frage, ob es auch möglich sei, sich während der Fahrt auf dem Bildschirm Spielfilme anzuschauen, wollte sich der Fahrer nicht konkret äußern.

Ein freies Wochenende verbrachten ein Kamerad und ich bei einer deutschstämmigen Gastfamilie in Winnipeg. Die Verköstigung war beste deutsche Hausmannskost. Das Clubhaus der Deutschen von 1892 strotze vor Wimpeln und Schwarzwaldpüppchen. Ein Alleinunterhalter sang „Junge komm bald wieder“ und angekündigt wurden der Heimatfilm „Die Fischerin vom Bodensee“ von 1956 sowie das „Oktoberfest featuring Manitoba´s leading bavarian show band: Die Musik Meisters. Enjoy an evening of Gemütlichkeit!“. Uns wurde etwas zu heimelig. Waren wir dafür in die Neue Welt aufgebrochen, um lediglich festzustellen: „Im Westen nichts Neues“?
Nein, so schlimm wurde es nicht. Das Ehepaar zeigte uns das Land, Museen, unternahm mit uns einen Ausflug zu einem alten Wildwest Fort und die Tochter führte uns ins Nachtleben ein. Wir genossen die herzliche Gastfreundschaft.

Zurück in Shilo durfte ich wegen Befehlsverweigerung, ich war geschlagene zwei Minuten zu spät am KPz, eine zweite Wache schieben. Ansonsten verging die Zeit durch so schöne Erlebnisse wie Mun und Kette Keulen, das Wechseln der Antriebskränze und des Triebwerks des KPz sowie gelegentlichem Augen-TD wie im Fluge. Am Ende unseres Aufenthalts gab es dann aber noch Meinungsverschiedenheiten bezüglich der geforderten Reinlichkeit, sprich Sandstaubfreiheit, meines KPz, woraufhin mir eine dritte Wache aufgebürdet wurde. Als mittlerweile gelernter Staatsbürger in Uniform beschritt ich den Beschwerdeweg bis hinauf zu unserem guten Hptm Born, bei dem ich Gehör fand. Der Kelch ging an mir vorüber.

Nach der Rückkehr aus Kanada im September 1988 endete gemäß Maßband mein Dienst in der Truppe des Feldheeres. „Null“ lautete der erlösende Ruf. Froh war ich, dass ich meine Walther P1 während der zurückliegenden 15 Monate nicht auf einer der Übungen verloren hatte, was im Btl angeblich einmal vorgekommen sein soll (Fall Udo). Die Bw bestätigte mir zu meinem Erstaunen, dass ich mit dem KPz über 1.000 km unfallfrei gefahren sei, und schickte
mich in die Alarmreserve. Die Bundesrepublik Deutschland bedankte sich abschließend bei mir auf schwerer Pappe (10 g).

Zu dieser Zeit lief der U.S.-Film „Bestie Krieg“ in den Kinos an, in dem es um eine sowjetische T 55 Besatzung in Afghanistan 1981 geht und der beworben wurde mit dem Spruch: „In einem Panzer gibt es keinen Platz für das Gewissen“. Das empfand ich als ehrenrührig. Es hörte sich fast so schlimm an wie Kurt Tucholskys Ausspruch von 1931: „Soldaten sind Mörder“. Dabei hatte ich - zumindest als Soldat - nie die Absicht, eine Tat gemäß § 211 StGB zu begehen. Allerdings war ich auch nicht „In Stahlgewittern“ gewesen und wusste nicht, wie der Krieg die Psyche des Menschen bestimmt. Einen Eindruck davon gewann ich erst später durch Lektüre (o. g. Titel von Erich Maria Remarque, 1928, und Ernst Jünger, 1920, sowie „Soldaten“ von Neitzel / Welzer, 2011) und den Film „Lebanon“ (2009), der von einem Einsatz einer israelischen Centurion Besatzung 1982 erzählt. Gleichwohl halte ich ein gewissenhaftes Handeln auch im Kriege für möglich. Beispielsweise führte mein Großvater mütterlicherseits als Soldat der Wehrmacht beim „Unternehmen Barbarossa“ den Befehl, er solle an Erschießungen teilnehmen, nicht aus.

Ein Jahr nach meiner Verabschiedung von der Bw musste ich noch als HG d.R. an einer Wehrübung auf dem TrÜbPl Putlos an der Ostsee teilnehmen. Diese ging am 31.10.1989 zu Ende und nur neun Tage später gelang in der DDR die friedliche Revolution. Jetzt bewahrheitete sich die Schießbahneinweisung, die uns einmal erteilt worden war: „Wir hier, Feind dort. Wir dort, Feind fort.“ Die NVA mit rd. 90.000 Soldaten wurde aufgelöst und rd. 380.000 Sowjetsoldaten mussten aus den fünf neuen Bundesländern abziehen.
Wir hatten den Kalten Krieg gewonnen! Panzer - Hurra!

Der Spiegel titelte 1990: „Wozu noch Soldaten? Armeen ohne Feindbild“. Im Heft war ein Foto mit KPz der Bw beim Herbstmanöver 1987 abgebildet mit der Unterzeile: „Was soll der Quatsch noch?“. Von den Zweifeln mancher Kameraden in der Wendezeit und nach der Wiedervereinigung Deutschlands blieb ich verschont. Aus bei der NVA sichergestellten Unterlagen ergab sich, dass der Warschauer Pakt, welcher mehr als doppelt so viele KPz wie die NATO hatte, bis 1990 zum Angriffskrieg ausgebildet hatte. Der Norden der Bundesrepublik Deutschland sollte dabei durch die 5. Armee der NVA, zwei sowjetische Armeen und eine polnische Armee erobert werden. Ich stellte erleichtert fest, dass das Feindbild, welches ich während meines Grundwehrdienstes gepflegt hatte, berechtigt war. Da hatte ich also tatsächlich einmal auf der richtigen Seite gestanden.
1995 konnte ich endlich meine sorgsam verwahrte, gleichwohl recht löcherige Bw-Bekleidung und Ausrüstung (ohne KPz) dem Staat zurückgeben. Waren von 1965 bis 1992 für die Bw 3.662 KPz Leopard 1 hergestellt worden, so wurden zum Jahresende 2003 die letzten 572 Stück ausgemustert. Der Restbestand wurde zum Teil ins Ausland verkauft, darunter Brasilien. Vielleicht bahnt sich mein alter KPz heute den Weg durch den Regenwald zur Copacabana. Soweit ich gehört habe, sollen die KPz dort ja mit Halterungen für Caipirinha-Gläser ausgerüstet worden sein. Eine schöne Vorstellung!

Alles in allem war mein Dienst als Wehrpflichtiger also eine erfolgreiche und amüsante Angelegenheit, die zudem ein „erhebliches“ finanzielles Polster schaffte, sofern man bei umgerechnet 175,- bis 225,- € monatlichem Sold eine Überschuldung erfolgreich hatte abwenden können. Immerhin erlangte ich den für Zivilisten so wertvollen Führerschein Bw-Kette F. Den Führerschein Klasse 3 hatte ich doppelt und könnte einen davon ja vielleicht verkaufen. Außerdem konnte ich jetzt auf die Frage: „Wo haben Sie gedient?“ zackig antworten. Für eine Anstellung war das ja sehr wichtig - zumindest im Kaiserreich. Das waren dann doch ganz solide Aussichten für den Start in das Zivilleben.
Ja, so war das damals beim Bund - oder etwa nicht? Na gut, ehrlich gesagt, war die Wirklichkeit ein wenig anders: Stichwort „Entbehrungen“.


09/2011, E. Schmidt (siehe auch Fotoalbum, PzBtl 174, 1987-88, 3. Kp)

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Kommentare

Kommentar von Sören |

Eine tolle Geschichte, vielen Dank für's Teilen!

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